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Freitag, 22. November 2013

Rückblick

Jetzt, wo alles wahrscheinlich erst einmal hinter uns liegt, merke ich, dass ich jedesmal wenn ich zur Ruhe komme, anfange, zurück zu denken...
Es mag meine Art der Verarbeitung sein, mir diese Geschichte, angefangen im September 1999, noch einmal komplett vor Augen zu führen. Es fühlt sich an, als kämen all die Gedanken, die ich jahrelang zurück gehalten habe, jetzt an die Oberfläche. Ich kann sie jetzt zulassen, weil ich keine Angst mehr haben muss. Erst mal. Die Ereignisse der letzten Wochen und Monate vervollständigen die Geschichte wie ein Puzzleteil, das noch fehlte bisher.

Ich denke an die ersten Tage nach der Geburt, wo ich noch mit der Vorstellung lebte, ein gesundes Kind zu haben. Im Grunde bin ich froh, dass ich nicht vorher von dem Herzfehler wusste. Diese drei Tage, wo alles so schön normal war, so wie ich es mir vorgestellt hatte, kann mir niemand mehr nehmen.

Ich denke an die folgenden 9 Wochen, die bis heute die schlimmsten meines Lebens waren, in denen ich mehr als einmal schon innerlich Abschied genommen hatte von meinem Kind.

Ich denke an 14 folgende Jahre, die wir wider Erwarten relativ normal gelebt haben, mit all den Höhen und Tiefen, die auch andere Eltern haben. Die Angst vor der 2. OP schwebte immer über uns, trotzdem haben wir es geschafft, sie so klein wie möglich zu halten, ja sogar manchmal komplett zu vergessen.

Ich denke an das Gesicht der Ärztin, die jetzt im August den Herzkatheder gemacht hat bei Jonas. Wie immer bei Arztgesprächen habe ich versucht, in diesem Gesicht zu lesen, und ich wusste schon bevor sie anfing, was jetzt kommen wird. Ich habe sie gebeten, nicht zu versuchen, mich irgendwie zu schonen, weil ich mit der Nachricht, dass es Zeit wird für die 2. OP, eh gerechnet hatte. Sie lächelte erleichtert und dann erzählte sie mir erst etwas ganz anderes, das ich sicher nie vergessen werde. Nämlich dass sie die Erfahrung gemacht hätte bei vielen Narkosen, die sie schon miterlebt hätte, dass man dort sehr viel über den wahren Charakter eines Menschen erfahren kann. Manche würde schreien, schimpfen, weinen, fluchen, es wäre alles dabei. "Aber Jonas", so sagte sie "war einfach nur lieb. Das ist ein ganz feiner Mensch, das möchte ich ihnen sagen, das merkt man in so einer Situation". Ich hatte wirklich das Gefühl, dass sie das ehrlich meinte und nicht, dass sie mir einfach nur etwas gutes sagen wollte, da war sie ganz sicher nicht der Typ für.

Ich denke daran, wie sehr ich um den OP-Termin in den Herbstferien gekämpft hatte, was ich alles organisiert hatte und dass mich so richtig der Schlag traf, als dieser Termin, kurz bevor wir losfahren wollten, abgesagt wurde. Das war in dem Moment schlimmer als die Ängste und Sorgen, die ich sowieso schon hatte, und hat mich wirklich noch einmal so richtig runter gezogen.

Ich denke an den Abend vor der OP und den OP Tag selber. Es war schlimm, aber ich habe sehr versucht, mich zusammen zu reißen und sei es nur, um Jonas ein Stück Sicherheit zu vermitteln. Aber auch mir selber hat es gut getan. Moni bin ich sehr, sehr dankbar, dass sie mir so toll zur Seite stand.

Ich denke an den ersten Tag post-op, wo er so furchtbar vor Schmerzen gejammert hat, dass ich aus dem Raum gehen musste und mir die Tränen kamen, das war nicht zu ertragen. Jost ging es genauso, der musste dann die nächsten drei Tage bei ihm bleiben, bevor ich ihn abgelöst habe. Er meinte nachher, das wären sicher die schlimmsten Tage gewesen.

Ich denke daran, wie gut und schnell er sich dann aber erholt hat. Dauernd sehe ich die Station, die Schwestern, die Ärzte, die Klinik vor mir. Es ist wie ein Film, der mich gerade dauernd begleitet. Aber es ist OK, weil es gut ausgegangen ist und weil es um Längen nicht so schlimm war wie 1999.

Jetzt können wir auch endlich längerfristig Dinge planen, die erst einmal auf Eis gelegt waren. Das ist ein wunderbares Gefühl. Genau so wunderbar wie das Wissen, dass es nicht wieder so schlimm sein muss wie damals, als er noch ein Säugling war. Jetzt weiß ich es, jetzt glaube ich es, weil wir es selber erlebt haben. Das musste wohl einfach so sein. Ich bin so dankbar dafür.

2 Kommentare:

  1. Ich kann das gut nachvollziehen, das geht mir oft in viel weniger dramatischen Momenten meines Lebens genauso ...es ist wie ein Film der abläuft, und man kommt gedanklich nicht zur Ruhe.
    Gut, dass du das alles aufschreibst, Anja.

    Liebe Grüße
    Angelika

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  2. Liebe Anja,

    ich freue mich sehr für Euch alle, dass es gut ausgegangen ist. Ihr habt es alle mehr als verdient.

    Lieber Gruß vom Michi

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